Advent, Advent …

Auf die Adventszeit freue ich mich immer. Ja, auch als Jüdin kann man sich über den Advent freuen! Wenn es überall nach Plätzchen duftet, wenn der erste Schnee fällt und vor allem, wenn man an immer dunkler werdenden Tagen bei jeder Gelegenheit Kerzen anzünden kann, die Wärme, Licht und Geborgenheit ausstrahlen.

Auch spielen wir in der Adventszeit seit Jahren unser Programm JIDDISCHE WEIHNACHT mit Martin Umbach als Erzähler und dem ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH (früher KLEZMORIM), eine Mischung aus Lesung und Konzert. Es geht darin um Geschichten von und über Juden zur Weihnachtszeit, ganz speziell geht es um meinen Großvater Julius Sommerfeld.

Der Antonsplatz in Chemnitz, an dem das Elternhaus meines Vaters mit der Tuchhandlung meines Großvaters stand
Der Antonsplatz in Chemnitz, an dem das Elternhaus meines Vaters mit der Tuchhandlung meines Großvaters stand
Herrentuche Groß- und Einzelhandel - das war das gut laufende Geschäft meines Großvaters am Antonsplatz 15 in Chemnitz
Herrentuche Groß- und Einzelhandel – das war das gut laufende Geschäft meines Großvaters am Antonsplatz 15 in Chemnitz

Julius lebte mit seiner Frau Margarete zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts als assimilierter, emanzipierter deutscher Jude in Chemnitz, wo er ein Geschäft für Herrentuche betrieb, bis er 1914 für den Kaiser in den Krieg zog.

Meine Großeltern Jlius und Margarete Sommerfeld, vermutlich um 1913
Meine Großeltern Jlius und Margarete Sommerfeld, vermutlich um 1913
Julius auf Heimaturlaub während des Ersten Weltkrieges, aus dem er unversehrt und mit dem Eisernen Verdienstkreuz 1918 zurück kehrte
Julius auf Heimaturlaub während des Ersten Weltkrieges, aus dem er unversehrt und mit dem Eisernen Verdienstkreuz 1918 zurück kehrte

Aus diesem Ersten Weltkrieg kam er als hoch dekorierter Offizier zurück; er betrieb weiter sein Geschäft am Antonsplatz 15, im August 1919 kam mein Vater Rolf zur Welt und Julius konnte wohl bis zu seiner Verhaftung 1939 nicht begreifen, was die Nazis mit ihnen, den guten Deutschen, die nebenbei auch noch Juden waren, vorhatten. Zwar gelang es ihm noch nach Margaretes Tod 1935  seinen einzigen Sohn Rolf – meinen Vater – zunächst in die Schweiz und dann 1937 nach Palästina sowie andere Verwandte außer Landes zu bringen, doch immer wieder kam er selbst nach Chemnitz zurück. Sein Schicksal ist ein typisch Jüdisches: 1940 wurde er im KZ Sachsenhausen ermordet.

Meinem Großvater Julius setze ich mit der JIDDISCHEN WEIHNACHT ein Andenken – ihm und all den anderen Ermordeten.

Die Geschichten aus der Nazizeit sind bedrückend
Die Geschichten aus der Nazizeit sind bedrückend
Nach der Pause liest Martin Umbach sehr witzige Geschichten ...
Nach der Pause liest Martin Umbach aber auch Erheiterndes …
... und Andi Arnold entlockt seiner Klarinette die unglaublichsten Töne
… und Andi Arnold entlockt seiner Klarinette die unglaublichsten Töne

Ich will zeigen, wie selbstverständlich Weihnachten-feiern als ‚deutsches Volksfest‘ für Juden hier einst war. Wie es zum guten Ton gehörte, Weihnachtslieder zu singen oder Stollen zu backen. Wie viel unsere Lichterfeste Channuka und Weihnachten gemein haben. Wie schön es sein kann, beides nebeneinander existieren zu lassen, ohne der einen oder anderen Seite dabei etwas wegzunehmen.
Zu Margaretes Weihnachtsstollen, der in unserem Programm auch gewürdigt wird, werde ich demnächt etwas schreiben!

Unser Schlusslied: Möge Frieden kommen über Israel, Palästina und die ganze Welt
Unser Schlusslied: Möge Frieden kommen über Israel, Palästina und die ganze Welt
Es gibt nichts Schöneres, als diesen Abend mit dem Publikum zu teilen!
Es gibt nichts Schöneres, als diesen Abend mit dem Publikum zu teilen!

Am Ende des Abends lasse ich meinen Großvater zu mir sprechen:
„Die Farbe des Herzens ist rot, ganz gleich, in welcher Brust es schlägt … Das Licht ist es, das uns erhellen kann. Die Finsternis zu vertreiben aus den Häusern und Herzen – das ist höchste Menschenpflicht.“

2014 durften wir das Programm in der Aula des Chemnitzer Gymnasiums spielen, das mein Vater bis 1935 besucht hatte. Diese Vorstellung war außergewöhnlich emotional; die Aula war bis auf den letzten Platz gefüllt, Lehrer und Schüler hatten überall Bilder und Fotografien von Julius aufgehängt – eine Ausstellung, die im Jahr zuvor entstanden war, als eine 8. Klasse einen Stolperstein für Julius hatte verlegen lassen.

Dieser Stolperstein wurde 2014 gegenüber dem Platz verlegt, der einst Wohn- und Geschäftshaus der Familie Sommerfeld war, der später von den Nazis enteignet und zu einem 'Jüdischen Altersheim' umfunktioniert wurde. Tatsächlich war es die Sammelstelle für Chemnitzer Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager.
Dieser Stolperstein wurde 2014 gegenüber dem Platz verlegt, der einst Wohn- und Geschäftshaus der Familie Sommerfeld war. Das Haus wurde später von den Nazis enteignet und zu einem ‚Jüdischen Altersheim‘ umfunktioniert. Tatsächlich war es die Sammelstelle für Chemnitzer Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager.

Nur zufällig kam eine Schülermutter drauf, dass es noch Verwandte von Julius geben könnte, und lud uns zur Verlegung des Stolpersteines nach Chemnitz ein.  Im Jahr darauf organisierte sie das Konzert in der Schulaula.

So sieht unsere Doppel-CD zum Programm aus
So sieht unsere Doppel-CD zum Programm aus

Unsere Termine für die JIDDISCHE WEIHNACHT 2015 mit Links zu den jeweiligen Veranstaltungsorten sind:

So, 29. Nov, 18 Uhr
Evang. Versöhnungskirche
Breiter Weg 26, 72622 Nürtingen

Fr, 11. Dez, 20 Uhr
Freies Musikzentrum München
Ismaninger Str. 29, 81675 München

So, 13. Dez, 17 Uhr
Meta Theater
Osteranger 8, 85665 Moosach bei Grafing

Sa, 19. Dez, 20 Uhr
Kulturforum Fürth
Würzburger Straße 2, 90762 Fürth

So, 20. Dez, 20 Uhr
Brauereigasthof Eichhofen
Von-Rosenbusch-Straße 8 , 93152 Eichhofen

Alle weiteren Infos auf der Website meiner Agentur:
KulturBüro Maria Bruckbauer

Ich hoffe, wir sehen uns bei der einen oder anderen Gelegenheit! Wer will, kann natürlich auch hier die CD für 19 € (zuzügl. 2€ Versand) bestellen. Name und vollständige Adresse bitte nicht vergessen!

Alle Bühnenfotos sind von dem wunderbaren Lichtkünstler Jens Heilmann

Ein Gedanke zu „Advent, Advent …“

  1. Heute habe ich die Jiddische Weihnacht in Nürtingen besucht. Es war so wunderbar, danke! Die Musik und die Texte haben mich und meine Eltern tief berührt. Ich selbst bin Christin, aber dennoch war es für mich auch eine sehr persönliche Berührung. Während meines FSJs habe ich mit jüdischen Senioren in den USA gearbeitet. Die Erzählungen von Flucht und Vertreibung, von den osteuropäischen Stetl, den Umgang mit Weihnachten und viele jiddischen und hebräischen Lieder habe ich in eurem Programm wiedergefunden. Alle „meine“ Senioren, die in einem Jahr wirklich gute Freunde wurden, sind seit meinem FSJ- Ende vor einem guten Jahr verstorben. Durch euch habe ich nicht nur Nirits Großvater, sondern auch sie alle nochmal gehört. Herzlichen Dank, dass ihr ihnen allen eine Stimme gebt. Ich habe ein Jahr lang das jüdisch amerikanische Familienleben gelebt, jeden Feiertag, mein ganz persönliches Weihnukkah, und und und- Aber die meisten Deutschen haben das nicht- Danke, dass ihr es uns so nahe bringt! Danke für den tiefen Einblick, danke für die Meinungen über und die Erzählungen aus Israel. Danke für diesen tollen ersten Advent und dass ich dieses Jahr doch noch mein Chanukka erhalten habe. Eure Arbeit ist Gold wert- Euch einen frohen Advent und ein fröhliches Chanukkafest! Shalom für die Welt 🙂

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