Viele Filme und viel mehr

Nachdem ich gestern versehentlich vergessen hatte, ein kleines Häkchen bei ‚intern‘ zu setzen und somit mein (fast privater) Blog-Eintrag an meine Toscana-Leute online ging, habe ich mich heute entschlossen, dies als Wink des Schicksals zu verstehen und der Welt (oder zumindest dem www) einen kleinen Einblick in dieses wunderbare Projekt zu geben, das ich in den letzten Monaten mit Freunden entwickelt habe. Es geht um einen Ort im sonnigen Süden, an dem Vieles verwirklicht werden soll, was in unserer Welt und in unserem Alltag allzu oft zu kurz kommt: Gemeinschaftssinn, teilen, Ruhe, feiern, kultureller Austausch, gelebte und genussvolle Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur, Gesundheit, naturgerechte Landwirtschaft und Permakultur, Gastfreundschaft, Kultur, Bildung, Austausch … kurzum: ein Lebens-Ort für eine „hoffnungsvolle Zukunft  in dieser zukunftsverdrossenen Zeit“, wie ein Freund es nannte.

Nach intensiver Suche hat sich jetzt eine Gelegenheit für ein ehemaliges Konvent aufgetan, die wir Ende Mai genauer prüfen werden – siehe meinen letzten Blogeintrag Konkrete Gelegenheit: Convento St. Antonio. Wer dazu mehr wissen oder sich gar beteiligen will, schreibe mir bitte eine Mail, dann schicke ich Dir Details und Konzept etc. zu. Sobald wir ganz konkret werden, wird es ein Crowd Funding geben, so dass viele Menschen uns auch mit kleineren Summen unterstützen und an der Realisierung eines  Traums teilhaben können.

Ansonsten will ich Euch heute ein paar Termine geben für spannende – wichtige – sehenswerte Ereignisse, die ich empfehlen möchte.

1. Am Donnerstag beginnt das 10-tägige Dokumentarfilm-Festival DOK.fest in München. Das Programm ist wieder mal großartig gestaltet und von Jahr zu Jahr hoffe ich, dass Dokumentarfilme in unseren Kinos auch durch dieses Festival einen höheren Stellenwert erlangen – viele Filme und ihre Macher verdienen es! Ich finde dieses Genre, diese Herangehensweise an ein reales Thema mit künstlerischen Mitteln immer wieder faszinierend.
Besonders empfehle ich den Film meines Freundes Werner Penzel ZEN FOR NOTHING sowie den Film von Danae Elon PS JERUSALEM, bei dem ich am 8. Mai abends nach der Vorführung am Filmgespräch beteiligt bin. Aber es gibt noch viele andere sehenswerte Filme (s.u.)* – stöbert mal hier im DOK.fest Programm.

2. Am 10. Mai jährt sich zum 83. Mal der Tag der deutschlandweiten Bücherverbrennung, angezettelt durch die Nazis, ausgehend von der Universität München, ausgeführt von allen Bevölkerungsschichten. Zum Gedenken und zur Mahnung lesen Menschen in ganz Deutschland gegen das Vergessen. Ich lese etwa um 15 Uhr am Münchner Königsplatz. Liest Du auch? Infos gibt es hier.

3. Wer lieber zuhört statt zu lesen, kann gerne die Bayern2 Sendung Kulturjournal vom 10. April nachhören. Ich hatte da Gelegenheit, mich mit Michael Lüders zu aktuellen Nahost-Themen zu unterhalten. Das Gespräch moderierte Wolf Gaudlitz. (Unser Beitrag beginnt bei etwa Minute 5’50“ und dauert knapp 20 Minuten.)

4. Die jüdisch-palästinensische Dialoggruppe veranstaltet am 19. Mai eine Filmvorführung und am 23. Mai einen Vortrag in München. In dem Film geht es um einen Israeli, der sich als Aktivist in der Westbank niedergelassen hat, um mit palästinensischen Freunden für ein gerechtes Miteinander zu kämpfen. Der Vortrag befasst sich mit der innerisraelischen Gruppe ‚Boycott from Within‘, die sich dem palästinensischen BDS-Aufruf anschließt. Weitere Infos gibt es in meinem Kalender.

5. Und schließlich noch eine ganz besondere Empfehlung: Wer sich mal einen wirklich unabhängigen, jederzeit online abrufbaren  Fernsehsender und Nachrichten mit Kontext und Hintergrund ansehen will, klicke bitte auf www.kontext-tv.de . Ich konnte neulich Fabian Scheidler, einen der Macher von kontext-TV, bei seiner Buchpräsentation DAS ENDE DER MEGAMASCHINE kennenlernen – auch das ist definitiv einen Klick wert!

So, nun hoffe ich natürlich noch auf viel Unterstützung für unsere neue Initiative BIB in Form von Blog-Folgern auf unserer Website www.bib-jetzt.de oder von ‚Gefällt mir‘-Klicks auf Facebook. Ich verabschiede mich und bin mal über Pfingsten weg mit meinem ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH – und freue mich riesig auf kreative Tage mit meinen Musiker-Männern im Bayerischen Wald. Das neue Programm präsentieren wir Euch dann im September – aber bis dahin ist es ja noch lang hin und es passiert  sicher noch eine Menge … schaut mal in meinen Kalender! Vielleicht hat ja jemand Lust auf meinen Präsenz-Workshop am 5. Juni.

Es grüßt Euch herzlichst

NL_Signatur2013

* Hier einige Empfehlungen für Filme mit Israel und/oder Palästina-Bezug:
************************************************
Mr. Gaga
von Tomer Heyman, S/ISR/D/NL, 2015, 100 Min.

Erst im Alter von 22 Jahren beginnt Ohad Naharin seine Tanzausbil­dung an der Batsheva Dance Company in Tel Aviv. Kurz darauf werden internationale Stars wie Martha Graham und Maurice Bejart auf das Ausnahmetalent aufmerksam. Doch erst die Arbeit mit der eigenen Company bringt für Naharin die entscheidende kreative Wende. In New York ent­wickelt er die Bewegungs­sprache Gaga, die den Tanz als universellen Hei­lungspro­zess versteht. Der Filme­macher und langjährige Freund Tomer Heymann zeichnet die einzelnen Stationen von Naharins Lebens nach. In Probe­situatio­nen, Tanzse­quenzen und privaten Archivaufnahmen entsteht so das Bild des Menschen Ohad Naharin. Eine Hommage an die transformative Kraft der Bewegung.

Freitag, 06.05.2016, 19:30, ARRI Kino
Sonntag, 08.05.2016, 18:00, Rio 1
Mittwoch, 11.05.2016, 21:30, ARRI Kino
Freitag, 13.05.2016, 14:30, HFF – Audimaxx
************************************************

P.S. Jerusalem
von Danae Elon, CDN/ISR, 2015, 87 Min.

Kann man in einem Land leben, dessen Ideale man nicht teilt? Und was bedeutet eigentlich Heimat? Nach dem Tod von Amos Elon, dem vielfach geehrten jüdischen Schriftsteller und Kritiker der israelischen Siedlungspolitik, beschließt seine Tochter und Filmemacherin Danae Elon, mit ihrem Mann und den zwei Söhnen in ihr Geburtsland Israel zurückzukehren. Über drei Jahre dokumentiert sie – den Umzug von New York nach Jerusalem, die Geburt ihres dritten Sohnes, ihre Ablehnung der israelischen Politik und schließlich die Frustration, die sich besonders bei ihrem Mann Philippe breitmacht. Wenn man in einer Gemeinschaft lebt, ist man immer auch ein Teil von ihr. Für Danae Elon Grund genug, wieder zu gehen.

Sonntag, 08.05.2016, 19:30, Filmmuseum (anschließend Filmgespräch mit Irit Neidhardt und Nirit Sommerfeld)
Dienstag, 10.05.2016, 21:00, Gasteig Vortragssaal
Sonntag, 15.05.2016, 16:00, Rio 2
************************************************

Balagan
von Andres Veiel, D, 1993, 90 Min.

Ein Film über einen palästinensischen Schauspieler und eine jüdische Darstellerin des Theaterzentrums Akko in Israel, deren Zusammenarbeit nicht selbstverständlich ist: Khaleds palästinensische Familie lebt seit acht Generationen im Land. Madi ist die Tochter eines tschechischen Juden, der beinahe im Vernichtungslager Sobibor umgekommen wäre. Die Schauspieler haben aus ihren Erfahrungen das fünfstündige Theaterstück „Arbeit macht frei“ entwickelt, das in Israel begeistert gefeiert und zugleich wegen angeblicher Nestbeschmutzung heftig kritisiert wurde. Mit deutlichen überrealen Bildern stellen sie sich ihrer Geschichte – bis zur Schmerzgrenze.

Dienstag, 10.05.2016, 17:00, Filmmuseum
************************************************

Herr Israel – im Spiegelbild
von Tom Kimmig, ISR/D, 2015, 52 Min.

Hans Hausdorf blickt, fast 100-jährig, auf sein Leben zurück. Er hat nette Nachbarn, Blumen vor dem Haus, eine wesentlich jüngere Freundin und fährt mit einem Elektromobil durch die Gegend, die einem Rentnerparadies in Florida gleicht. Hans aber lebt im Süden Israels – als Hanan Hadar. 1938 kam er 19-jährig mit der zionistischen Jugendbewegung aus Deutschland nach Palästina, zunächst in einen Kibbuz. Tom Kimmig begleitet den lebensfrohen Mann durch seinen Alltag, auf seine Geburtstagsfeier, wo auch die große, herzliche Familie zu Wort kommt. Sichtlich begeistert teilt Hans mit dem Regisseur auf Deutsch seine Erinnerungen – und lässt über bewegende Geschichten nach und nach ein verändertes Bild der Geschichte Israels entstehen.

Freitag, 13.05.2016, 20:30, Atelier 1
************************************************

Jüdisches Museum Café Nagler
von Mor Kaplansky und Yariv Barel, ISR/D, 2015, 59 Min.

»Ich weiß nichts über das Café Nagler«, erklärt der Berliner Kaffeehausexperte Fred Riedel gegenüber der Kamera von Mor Kaplansky. »Ich weiß nur, dass Sie hübsche Augen haben.« Wo heute trostlose Bäume am ebenso trostlosen Moritzplatz stehen, pulsierte bis 1926 noch das kulturelle Leben der Weimarer Republik. Kaplanskys Blick geht zurück in eine Zeit, als Brecht, Dix, Grosz oder Döblin noch zusammen im legendären Kreuzberger Café Nagler saßen und über Politik wie Kunstgeschehen diskutierten. Zusammen mit ihrer Großmutter lässt die Filmemacherin und Ur-Ur-Enkelin des Kaffehausgründers die persönliche, sehr mythenbehaftete Familiengeschichte noch einmal aufleuchten: Mit unechten Zeitzeugen, aber reichlich jüdischem Humor.

Montag, 09.05.2016, 17:00, Filmmuseum
Mittwoch, 11.05.2016, 17:00, Filmmuseum
************************************************

Neue Initiative am Start

Heute bekommen Hunderte von Menschen in Deutschland das folgende Schreiben. Ich habe es zusammen mit einigen Mitstreitern verfasst – wundert Euch also nicht über den offizielleren Ton. Bitte lest es, leitet es weiter und lasst Euch zum Mitmachen animieren:
Die Zeit ist reif für Gerechtigkeit.
Herzlich,
NL_Signatur2013

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

wir haben im April 2016 das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung (BiB) gegründet.

Ziel unseres Bündnisses ist: Koordinierte Werbung in der Öffentlichkeit und bei unseren politischen Repräsentanten für die Einhaltung rechtsstaatlicher und völkerrechtlicher Normen in den von Israel seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten und für ein Ende dieser Besatzung. Zu diesem Zweck möchten wir in Deutschland lebende Menschen, insbesondere jüdischer und palästinensischer Herkunft, zu gemeinsamem Handeln zusammenführen.

Hierfür planen wir verschiedene Aktivitäten und Kampagnen. Unsere erste aktuelle Kampagne findet Ihr im Anschluss an diesen Text.

Wir streben als Verein den Eintrag ins Vereinsregister sowie die Gemeinnützigkeit an. Ihr könnt mit unserem Bündnis Kontakt aufnehmen über unsere Website www.bib-jetzt.de oder per e-mail an info@bib-jetzt.de.

Unsere Grundsatzerklärung sowie weitere Informationen zu BIB und den Gründungsmitgliedern können ab sofort online unter www.bib-jetzt.de nachgelesen werden. Für vertiefende Informationen zu allen damit zusammenhängenden Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Gründungsmitglieder:
Prof. Dr. Rolf Verleger, Dr. Martin Breidert, Dr. Yazid Shammout  (Vorstand)
sowie
Judith Bernstein, Prof. Dr. Ghaleb Natour, Prof. Dr. Norman Paech, OB Dr. Albrecht Schröter, Nirit Sommerfeld, Prof. Dr. Udo Steinbach
Beirat: Dr. Rupert Neudeck, Prof. Dr. h.c. Horst Teltschik

Streifen_mini

Unsere aktuelle Kampagne #1: Sollen Kopfschüsse normal werden?

Der israelische Soldat und Sanitäter Elor Asarja wurde dabei gefilmt, wie er in Hebron den nach der Abwehr seines Messerattentats verletzt am Boden liegenden 21-jährigen Abd al-Fatah Jusri al-Scharif gezielt und ohne Not durch Kopfschuss tötete.

Dies kann hier angesehen werden: http://m.btselem.org/firearms/20160324_soldier_executes_palestinians_attaker_in_hebron

Die Mehrheit der jüdischen Israelis ist gegen eine Bestrafung des Soldaten, in flagranter Missachtung zivil- und kriegsrechtlicher Normen. Viele Israelis nennen Asarja einen Helden. Siehe dazu hier z.B. eine Bürgerversammlung in Asarjas Heimatstadt Ramleh: http://www.alternet.org/grayzone-project/watch-israelis-rally-soldier-who-executed-palestinian-rage-netanyahu-not-cheering

Schon im Januar 2016 verlangte die schwedische Außenministerin Margot Wallström wegen ähnlich problematischer Exekutionen seit Beginn der „Messer-Intifada“ eine internationale Untersuchung der außergerichtlichen Tötungen in Israel. Diese Initiative griffen weder die deutsche noch die EU-Politik auf.

Daher möchten wir Sie zu einer koordinierten Aktion ermuntern: Bitte schreiben Sie an den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz, an unseren Außenminister Frank-Walter Steinmeier, an Bundestagsabgeordnete Ihres Wahlkreises sowie an weitere Personen Ihrer Wahl, dass Sie die Initiative der schwedischen Außenministerin unterstützen: Internationale Untersuchung der mehr als 200 durch israelische bewaffnete Kräfte durchgeführten außergerichtlichen Exekutionen seit Oktober 2015.

Mit unseren vorbereiteten Links und Texten (s.u.) dauert das keine zwei Minuten und kann große Wirkung zeigen!

Weiterhin: Der Mann, der die Ermordung al-Scharifs filmte, als Korrespondent der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem, ist der Hebroner Emad Abu-Schamsija. Er wird nun von rechtsradikalen Israelis als Denunziant verunglimpft und bedroht. Setzen Sie sich bitte für Abu-Schamsija ein, überlegen Sie bitte, ob er für eine Einladung nach Deutschland oder eine Preisverleihung für investigativen Journalismus in Frage kommt.

Wichtig: Bitte setzen Sie uns CC (info@bib-jetzt.de), wenn Sie Mails schreiben, oder mailen Sie uns Kopien Ihrer Schreiben, damit wir einen Eindruck von der Resonanz unserer Kampagnen erhalten und an Verbesserungen arbeiten können.

Jedes Schreiben zählt! Zeigen wir der Politik und der Öffentlichkeit, dass unsere Freundschaft zu Israel nur durch Einhaltung von Völker- und Menschenrecht Bestand haben kann und dass wir gleiches Recht für alle fordern – darauf sollten wir bestehen!

Streifen_mini

Links – Diese Menschen sollten Sie anschreiben:

Streifen_mini

Text für ein Anschreiben, den Sie so oder als Vorlage für Ihren individuellen Text verwenden können:

Sehr geehrter Herr EU-Parlamentspräsident Schulz / Herr Außenminister Steinmeier / Frau/Herr Abgeordnede/r …… ,

mit Entsetzen beobachten wir seit Beginn der sogenannten „Messer-Intifada“ die Zunahme außergerichtlicher Tötungen auf israelischem und palästinensischem Gebiet: Seit Oktober 2015 gab es über 200 solcher Tötungen durch israelische bewaffnete Sicherheitskräfte – die Details sind Ihnen sicher bekannt.

Auf politischer Ebene wurde bisher nur von der schwedischen Außenministerin Margot Wallström eine internationale Untersuchung dieser Exekutionen angeregt, aber nie umgesetzt. Wir möchten Sie daher dringend auffordern, Frau Wallströms Initiative seitens der EU aufzugreifen und klar zu diesen Vorgängen Stellung zu beziehen. Aus meiner Sicht werden durch solche Tötungen, denen oft Minderjährige zum Opfer fallen, Menschenrechte massiv verletzt. Dies kann die EU nicht kommentarlos hinnehmen, zumal uns Europäer engste Beziehungen mit Israel verbindenden. Damit diese nicht eines Tages zerbrechen, müssen wir von Israel die Einhaltung rechtsstaatlicher und völkerrechtlicher Normen fordern.

Bitte lassen Sie mich wissen, was die EU in dieser dringenden Angelegenheit zu unternehmen gedenkt. Vielen Dank für Ihren Einsatz!

Mit freundlichen Grüßen,

(Ihren Namen nicht vergessen!)

Streifen_mini

Weiterleitung an Freunde

Kopieren Sie dieses Schreiben in eine neue Email, setzen Sie den folgenden Text an den Anfang und senden Sie die Mail an Einzelne oder an Ihren Verteiler:

Liebe Freundinnen und Freunde,

wollt Ihr auch an einer Aktion teilnehmen und Politiker fragen, was sie gegen außergerichtliche Tötungen von Palästinensern durch israelische Sicherheitskräfte unternehmen werden? Dann lest diese Mail und schreibt an Eure MdB. Danke!

Streifen_mini

Wir danken Ihnen und sind sehr gespannt auf Ihre Rückmeldungen.

Mit engagierten Grüßen,

Unterschrift

Nirit Sommerfeld
BIB-Geschäftsstellenleiterin

www.bib-jetzt.de

www.facebook.de/bibjetzt

BIB
Bild-LogoBündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung e.V. i. Gr.

 

Perspektivenwechsel

Diese Zeiten fühlen sich gerade an, als stünde bald kein Stein mehr auf dem anderen. Nahezu jede Nachricht raubt mir den Atem: Die neuesten Meldungen aus Israel und dem besetzten Palästina sind so grauenerregend, dass ich kaum weiß, wie ich sie für mich selbst verarbeiten und schon gar nicht, wie ich öffentlich damit umgehen soll*.  Dazu kommen die Enthüllungen über Betrug und Selbstbereicherung in den sogenannten „höchsten“ politischen und gesellschaftlichen Kreisen mit den PanamaPapers (ich bin nicht einmal mehr fassungslos, nein; ich bin bestätigt in meiner unangenehmen Überzeugung, dass Reiche sich nun mal mit allen Mitteln noch mehr bereichern wollen, dass sehr viel Geld korrumpierbar macht und dass Kapitalismus schlicht schlecht ist).

Ich frage mich, wie wir das und alle anderen Meldungen verdauen sollen, die wir fast beiläufig zu uns nehmen, unsere tägliche Lektüre, die zu unserer geistigen Nahrung gehört wie Popcorn zum Kino: Exekutionen weltweit (laut Amnesty International sind sie  so stark gestiegen wie seit 25 Jahren nicht mehr); Selbstmordattentate auf belebten Plätzen und Märkten (wobei es außer in der Aufmerksamkeit der Medien keinen Unterschied für die Betroffenen macht, ob der Platz einen französischen, türkischen oder afghanischen Namen trägt: verstümmeln und sterben fühlt sich bestimmt überall gleich an); nicht zu vergessen die anderen kleinen und großen Katastrophen wie Klimawandel, Bienensterben, Flüchtlingsströme, Massentierhaltung, Menschenhandel, Diskriminierung und und und …. und da sind dann noch die persönlichen Schicksale! Wie sehr trifft es uns, wenn jemand aus unserem nächsten Umfeld krank wird, stirbt oder – schlimmer noch – sterbensunglücklich ist? Wie sollen wir mit all dem fertig werden?! Unseren Lebensunterhalt müssen die meisten von uns ja nebenbei auch noch verdienen.

Und so erlebe ich mich immer wieder mal in Momenten von tiefer Verzweiflung und Sorge, auch von Mut- und Lustlosigkeit, in denen ich mich frage, ob denn überhaupt irgend eine Aktivität Sinn macht; ob irgend ein Wort oder eine Tat etwas in dieser Welt verbessern oder verändern kann; ob nicht alles ohnehin von den ganz Mächtigen (und ich unterstelle ihnen nichts Gutes) gelenkt ist und sie nur kopfschüttelnd auf uns hinabblicken, wie wir uns da abstrampeln für ein bisschen mehr Gerechtigkeit, für weniger Gewalt, für die Belange von Verfolgten und Unterdrückten. Etwas leichter wird mir erst ums Herz, wenn es mir gelingt, in eine Art Vogelperspektive zu gehen, in der ich die Welt mit einem gewissen Abstand betrachten kann. Wenn ich mich ganz darauf einlasse, wenn ich Glück habe und „es“ passiert, dann ist es ähnlich wie in tiefdunkler Nacht an einem unbeleuchteten Meeresstrand, wenn man im warmen Sand liegt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und sich in die Tiefe des uns umgebenden Alls fallen lässt. Dann entsteht dieses Gefühl zwischen Herz und Bauch, dass ohnehin alles so ist, wie es sein muss, dass jeder einzelne Stern, auch wenn er noch so weit weg ist oder vielleicht längst verglüht, ein wichtiger Bestandteil dieses ganzen Kosmos ist, auch wenn er selbst oder wir als Betrachter nicht verstehen, warum.

Mit diesem tiefen inneren Gefühl, mit diesem weit entfernten Blick lässt sich auch das Rad der Zeit zurückdrehen und die Menschheitsgeschichte leichter betrachten und erkennen. Ging es den Menschen in früheren Zeiten nicht auch so, dass ihnen das Ende der Welt oder der Untergang der Menschheit vollkommen realistisch erschien? Nur weil wir heute wissen, dass etwa die Welt keine Scheibe ist oder der ‚Todsünde‘ Zorn nicht durch Zerstückelung des Zornigen bei lebendigem Leibe beizukommen ist, war das doch damals für die Menschen genauso beängstigend und existentiell wie für uns unsere heutigen Bedrohungen. Ja natürlich wissen wir, dass nach einer Atomkatastrophe kaum jemand überleben kann; ist es da zynisch, auf die Zeiten der Pest zurück zu schauen, die auch teilweise 90% der Bevölkerung Europas hinweggerafft hat? Ist überhaupt unser Blick auf die Welt verschoben, einseitig? Die PanamaPapers zum Beispiel: Ist nicht die andere Wahrheit,  die andere Sichtweise wirklich großartig, nämlich dass 400 engagierte Journalisten monatelang dicht gehalten und an ihrer Recherche gearbeitet haben, solidarisch dem Ziel verpflichtet, eine große Schweinerei aufzudecken?! Das macht mir Mut und zeigt mir zweierlei: Dass es Sinn macht, sich für etwas Wichtiges einzusetzen, und dass es unerlässlich, notwendig und schön ist, sich dabei auf andere zu verlassen.

Der schwedische Professor Hans Rosling ist auch so ein Mutmacher. Er behauptet steif und fest, dass es der Menschheit noch nie so gut ging wie heute – verhältnismäßig. Als Statistiker beruft er sich auf Fakten und Zahlen aus Quellen wie den Vereinten Nationen und verschiedener Hochschulen und folgert daraus, dass nichts dringender und gleichzeitig machbar ist wie die Beseitigung von Hunger und Armut. Als Einstieg empfehle ich diesen 20-minütigen TED-Talk. Auf dieser Gapminder-Internetseite kann man sich noch jede Menge anderer interessanter Vorträge ansehen.

Hier noch einige Hinweise zu sehens- und hörenswerten Ereignissen in den nächsten Tagen und Wochen, bei denen ich mitwirke:

So, 10. April, 18 Uhr – Radio
Kulturjournal: Mein Gespräch mit Michael Lüders über Israel, Palästina und die Deutschen, moderiert von Wolf Gaudlitz auf Bayern2. Hier geht’s zum Podcast.

Mi, 13. April, 19:30 Uhr – Capitol Kino Grafing
HAPPY WELCOME – ein Roadmovie über vier „Clowns ohne Grenzen“ bei ihrer Tour durch acht deutsche Asylbewerberheime. „Ansteckendes Glück“ (SZ)
Regie: Walter Steffen / D 2015 / 87 Min.

Anschließend moderiere ich das Publikumsgespräch mit Andi Schantz, einem der Clowns.

So, 8. Mai, 19:30 Uhr – DOK.fest München, Filmmuseum, St.-Jakobsplatz 1
P.S. Jerusalem – Dokumentarfilm von Danae Elon, Kanada 2015, 87 min
Anschließend spreche ich mit Irit Neidhardt und Jutta Höcht-Stöhr über den Film und meine eigenen Erfahrungen während meiner zwei Jahre in Israel von 2007-09.

Weitere Filme zum Thema Jüdische Kultur und Israel beim DOK.fest 2016 sind Mr. Gaga, Balagan, Herr Israel – im Spiegelbild sowie Jüdisches Museum Café Nagler. Infos zu diesen und allen anderen Filmen finden sich ab Mitte April hier.

Vielleicht ist die künstlerische Auseinandersetzung die beste Art, sich selbst immer wieder mal einem Perspektivenwechsel zu stellen. In diesem Sinne – auf ein baldiges Wiedersehen,

NL_Signatur2013

*Wer es noch nicht mitbekommen haben sollte: In Israel tobt der Streit um einen Soldaten, der einen am Boden liegenden, offenbar wehrlosen jungen Palästinenser durch einen Kopfschuss exekutiert hat. Der Vorgang ist gefilmt worden. Die einen sprechen von Mord, Hinrichtung, Menschenrechtsverletzung (hier dazu der Artikel von Gideon Levy); die anderen wollen den Soldaten zum Helden machen, wie hier bei einer politischen Versammlung in der Stadthalle von Ramle gefordert. Israel hat längst alle Grenzen überschritten – in jedem Sinne. Mittlerweile sind auch noch die letzten Masken gefallen und eine Verrohung tritt zutage, die mich erschüttert, beschämt, beängstigt – aber nicht zum Schweigen bringen wird.

 

Frohere Ostern …

Angesichts der Terrormeldungen aus Brüssel, Istanbul und Ankara möchte ich mich kurz fassen und einen syrischen Flüchtling zitieren: „Wir sind Menschen, die vor den selben Terrosisten davon laufen, die das gemacht haben. Sie haben unsere Häuser, unser Leben zerstört. Wir sind keine Terroristen, wir wollen nur Frieden und Sicherheit für uns und unsere Kinder.“

Wer glaubt, mit den Flüchtlingen würden wir den Terror importieren, dem kann ich nur empfehlen, Michael Lüders, Jürgen Todenhöfer oder Loretta Napoleoni zu lesen, um zu verstehen, wodurch wir Westler uns tatsächlich den Terrorismus selbst gezüchtet haben und was wir tun und auch lassen sollten, um diesen Terror zu bekämpfen. Weiterhin Zivilisten bombardieren – sei es in Syrien, im Irak, in Gaza oder sonstwo, nützt nur zwei Parteien: Der Waffenindustrie und dem IS. Hierzu ein Hinweis auf einen Film, der kürzlich in der ARD gezeigt wurde und (noch) in der Mediathek zu finden ist: Was von Kriegen übrig bleibt.

Übrig bleiben auf jeden Fall – neben Tod, Verzweiflung und Zerstörung – auch Flüchtlinge. An der Flüchtlingssituation werden wir so schnell nichts ändern. Aber die Situation der Flüchtlinge wird da und dort durch die CLOWNS OHNE GRENZEN erleichtert. Den Film dazu HAPPY WELCOME zeigen wir am Mittwoch, dem 13. April 2016 um 19:45 Uhr im Grafinger Capitol Kino. Bitte kommt zahlreich! Erzählt es weiter! Ladet Flüchtlinge, Asylbewerber und andere Gäste dazu ein! Einer der Clowns, mein alter Schulfreund Andreas Schantz, wird da sein, zuvor jonglieren und danach für Fragen zur Verfügung stehen.

Ich selbst bin dann mal weg … und suche etwas Ruhe und Frieden in der schönen Toscana; und vielleicht sogar ein Plätzchen, wo man mal zu Mehreren für länger bleiben und schöne, spannende Dinge zusammen machen kann. Dazu ein andermal mehr…

Wir sehen uns beim taz.lab in Berlin am 2. April oder im Grafinger Kino am 13. April. Euch allen Frohe Ostern und eine friedliche Zeit,

NL_Signatur2013

 

Workshop: Präsenz, Wahrnehmung, Ausstrahlung

Heute ist Internationaler Frauentag! Das ist ein Anlass zum Feiern: Wie herrlich – nein, wie fraulich! – wie großartig, dass es so viele wunderbare, kluge, fleißige, sensible, mutige, solidarische und in allen Varianten schöne Frauen gibt; Frauen, die oft mehr arbeiten und leisten als ihre männlichen Artgenossen; Frauen, die Kinder gebären, sie großziehen und sich für sie einsetzen! Frauen, die forschen, schreiben, lehren, putzen, an Supermarktkassen sitzen, Regale einräumen, Teams leiten, operieren, Häuser bauen, Alte betreuen, mit Kindern Hausaufgaben machen; Frauen, die ihre Kinder über Tausende von Kilometern tragen, in der Hoffnung, mit ihnen dem Krieg zu entkommen und Schutz zu finden.

Daher ist der Internationale Frauentag auch ein Anlass zum Kämpfen: Für eine Welt, in der Frauen gleiche Rechte bekommen (auch in Deutschland bekommen Frauen durchschnittlich 22% (!!!) weniger Geld für die gleiche Arbeit wie ihre männlichen Kollegen), in der sie nicht mehr diskriminiert werden, in der sie mehr Schutz und die Wahrung ihrer Würde erfahren und Bilder wie die der verganenen Tage aus Istanbul, bei denen bewaffnete Männer mit Gummigeschossen und Tränengas gegen unbewaffnete Frauen vorgehen, endlich der Vergangenheit angehören!

Meine Einladung zu meinem nächsten Workshop richte ich daher ganz besonders an Frauen – auch wenn männliche Teilnehmer ganz gleichberechtigt willkommen sind! Beim Workshop, den ich am kommenden Sonntag, den 13. März im Freien MusikZentrum in München anbiete, geht es um Bühnenpräsenz und Wahrnehmung, aber es ist auch ein Workshop zur Stärkung des eigenen Selbst-Bewusstseins. Einen ganzen Tag lang werde ich mit den Teilnehmer*innen (max. 8) Übungen und Spiele machen, die die Wahrnehmung schärfen, ein gutes Atem- und Körpergefühl erzeugen, Dir helfen, Konzentration aufzubauen und vor allem: Ganz viel Spaß machen!
Der Kurs ist für alle Menschen gedacht, die ihre eigene Präsenz spüren und einsetzen wollen, die manchmal vor Publikum stehen, eine Rede oder ein Plädoyer halten wollen, an Menschen, die Freude daran haben, sich und ihre Fähigkeiten neu zu entdecken und auszuprobieren.
Wir fangen am Sonntag um 10 Uhr an, machen dann gegen eins eine Mittagspause und dann geht es etwa bis 17 Uhr weiter. Anmeldung geht nur übers Freie MusikZentrum (Kurs M220, am besten telefonisch unter 089 – 41 42 47 – 0 oder per Mail an info@freies-musikzentrum.de ). Weitere Infos zum Kurs sind im Programm auf S. 92 angekündigt nachzulesen.

Anmeldeschluss ist schon morgen, Mittwoch, 17 Uhr, und es gibt nur wenige Plätze!

Ich freue mich auf’s Wiedersehen! Herzlichst,

NL_Signatur2013

PS: Für alle Berliner*innen: Am Samstag, den 2. April, werde ich im Panel einer Diskussionsrunde beim diesjährigen taz.lab zum Thema FREMDE ODER FREUNDE? DIE LUST AN DER DIFFERENZ sitzen und mit ein paar interessanten Leuten über ein spannendes Thema sprechen: Brauchen ‚people of color‘ die guten Ratschläge ihrer weißen, wohlmeinenden Mitmenschen im Kampf für ihre Rechte?

Modern times

Neulich bin ich auf der Suche nach einem bestimmten Song auf Charlie Chaplins MODERN TIMES gestoßen. Ähnlich wie ihm geht es mir auch manchmal: Auf der Bühne entfallen mir mitten im Lied die Worte und mein Mund produziert irgend welche Silben, bis mein Gehirn den Sprung über den tiefen, tiefen Abgrund schafft und mir den richtigen Text über die Lippen sendet. Das alles passiert in realer Zeit in etwa vier bis fünf Sekunden, die in mir selbst eine gefühlte halbe Ewigkeit dauern – wobei sich die Hälfte der unendlichen Ewigkeit auch schon unendlich ewig lang anfühlt.

Interessant dabei ist, dass tatsächlich immer irgendwelche silbenartige Laute vom Körper, vom Gehirn, vom Unbewussten oder von sonst irgendwoher produziert werden, was mich letztlich immer wieder recht vertrauensvoll die Bühne betreten lässt: „Irgend etwas wird schon herauskommen“, sagt meine weise, erfahrene innere Stimme zu der in Sekundenschnelle ansteigende Panik, die gleich widerspricht und mir gehässig ein „Ich klebe jetzt deine Stimmbänder zusammen, bis sie austrocknen und du nur noch krächzt!“ zuruft. Woraufhin die sanfte, weise Stimme ruhig entgegnet: „Atme. Schlucke. Lächle. Liebe Dein Publikum. Niemand wird was merken.“ So ist es dann auch meistens.

Sprachlos bin ich dagegen in den letzten Tagen und Wochen immer wieder gewesen, wenn ich die Bilder vom grölenden Mob vor dem Bus voller Flüchtlinge in C. (mag den Namen gar nicht mehr aussprechen oder schreiben) oder die Bemerkungen mancher Menschen auf Facebook oder sonstwo gelesen und gehört habe. Aber Sprachlosigkeit dürfen wir uns nicht erlauben in dieser Situation – oder zumindest keine, die länger als ein paar Sekunden dauert. Im Gegenteil: Es wird Zeit, dass wir die Straße und die laute Aufmerksamkeit nicht mehr diesen Leuten überlassen, die (noch) nicht die Mehrheit dieses Volkes repräsentieren. Und auf keinen Fall sollten wir frustriert wegschauen, nur weil wir auch nicht weiter wissen oder einfach keine Lust haben, uns mit diesen schwierigen Themen auseinander zu setzen.

Manchmal höre ich das Argument, wir seien uns zwar bewusst über die Ursachen, die dazu geführt haben, dass Menschen jetzt auf der Flucht seien, aber schließlich seien wir persönlich nicht dafür verantwortlich: „Du und ich, wir haben keine Waffen verkauft und keine Kolonien gegründet, keine Kriege angezettelt und keine Völkermorde begangen.“ Ich sehe das etwas anders. Wir alle tragen gewisse Verantwortungen aus unserer Geschichte; bei der deutsch-jüdischen Geschichte sind wir uns da bekanntlich alle einig (mit allen zweifelhaften Folgen). Aber was wir als Bürger, als Wähler, als Nutznießer unseres westlichen Lebenswandels mit der sogenannten Flüchtlingswelle persönlich zu tun haben, das sehen wir oft nicht oder stellen keine Zusammenhänge her. Das ist auch nicht ganz leicht zu verstehen. Und unangenehm ist es obendrein.

Das weiß man spätestens dann, wenn man Michael Lüders Buch WER DEN WIND SÄT gelesen hat oder auch Loretta Napoleonis DIE RÜCKKEHR DES KALIFATS – beides Bücher, die ich Euch wärmstens empfehlen möchte. Empfehlen möchte ich auch die Veranstaltung am kommenden Donnerstag Abend mit Michael Lüders in München, für die es allerdings nur noch wenige Restkarten gibt. Alle Details dazu hier. Zuvor freue ich mich auf ein Gespräch mit Michael Lüders im BR-Studio, das von Wolf Gaudlitz moderiert und aufgezeichnet und demnächst auf Bayern2 gesendet wird. Ich sag dann nochmal Bescheid.

Ich hoffe, ich kann auch Dich ermuntern, Deine Sprachlosigkeit zu verlieren – auch auf die Gefahr hin, dass Dir manchmal ein falsches Wort entgleitet, man übers Ziel hinaus schießt oder hin und wieder Stuss herauskommt aus dem Mund. Oder hübscher ausgedrückt: Gibberish, wie es bei Charlie Chaplin heißt. Hier kann man sich die Szene auf meinem YouTube Kanal ansehen – und vielleicht findest Du auch noch andere Videos dort, die Dir gefallen.

In diesem Sinne: Lasst uns unsere Stimmen erheben! Überlassen wir die Straßen, die Bühnen, die Talk Shows nicht den grölenden Typen, die vor lauter Angst und Unwissenheit Menschenverachtung in die Welt setzen.
Seien wir gemeinsam: Manchmal sprachlos, niemals mundtot!

So grüßt herzlichst

NL_Signatur2013

PS: Save the date: Am Sonntag, den 13. März, gebe ich wieder einen Workshop zum Thema Präsenz, Ausstrahlung und Performance im Freien MusikZentrum in München und freue mich sehr über viele interessierte Teilnehmer! Es gibt den ganzen Tag viele spielerische Übungen, es macht großen Spaß und es ist für jede/n etwas dabei: Sänger*innen, Lehrer*innen, Musiker*innen und alle Menschen, die den Zauber einer besonderen Ausstrahlung entdecken möchten. Nähere Infos hier auf Seite 92 und Anmeldung übers Freie MusikZentrum.

PPS: Ich freue mich über Kommentare…!

Friedenskonferenz und Gaza-Farce

Liebe Leserinnen und Leser!

So manche von Euch vermissen Bobby in letzter Zeit auf diesem Blog, ich weiß. Und ich würde auch furchtbar gerne wieder mit ihr kochen oder backen – allein die Zeit fehlt mir im Moment dafür. Ich werde das aber nachholen, ganz bestimmt. Jetzt muss ich mich aber gerade um ein paar andere Dinge kümmern.

Zum Beispiel muss ich mir überlegen, wie ich mit meiner Wut umgehe, wenn ich heute wieder lese, dass der israelische Zement-Monopolist Nesher als einziger Zement-Lieferant in den Gaza-Streifen gelassen wird. Dort soll also mit israelischem Zement wieder aufgebaut werden, was 2014 von israelischen Bomben zerstört wurde.

Man muss sich vorstellen: Im September 2014 beschließt die UNO zusammen mit Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde  einen Rahmenplan für den Wiederaufbau von Gaza. Es wird dabei ein Umfang von etwa 7,8 Milliarden US$ anvisiert. Damit soll Gazas Wirtschaft angekurbelt, die humanitäre Situation erleichtert und die Sicherheit Israels gewährt werden. Die Sicherheit Israels wird dadurch gewährt, indem die Bewegung, also die Einfuhr von Hilfsgütern, also vor allem von Baumaterial, strengstens überwacht wird. Die Weltbank hat ausgerechnet, dass es in Gaza ein Wirtschaftswachstum von etwa 11% gegeben hätte, hätte 2015 das geplante Baumaterial Gaza erreicht.

Der UN-finanzierte Rahmenplan – und nein, das ist jetzt kein schlechtes Märchen, auch wenn es so klingt – hat jedoch ausschließlich eines befördert: Israels Kontrolle und die Einschränkungen in Gaza. Und so ganz nebenbei auch die israelische Wiederaufbau-Industrie. Da Israel als einziger Mitspieler darüber bestimmt, was nach Gaza gelangt und was nicht, ergab es sich … wie soll man sagen… ja, praktisch wie von selbst, dass Israel steigende Profite verzeichnen konnte, da ja alles Hilfs- und Baumaterial aus israelischen Betrieben stammt und somit die israelische Wirtschaft ankurbelte. Was für eine glückliche Fügung! Praktischerweise verfiel dadurch die palästinensische Wirtschaft in eine noch größere Abhängigkeit zur Israelischen.

Diese und weitere Informationen stammen von einer Quelle, die absolut zuverlässig ist, nämlich von www.whoprofits.org . Dies ist eine Website, die als Dissertation zweier israelischer Studentinnen 2009 ins Leben gerufen wurde, um wissenschaftlich belegt festzuhalten, wer eigentlich genau von der israelischen Besatzung profitiert, also an ihr verdient. Den Artikel zum Nesher-Zement könnt Ihr hier nachlesen.

Über die Zusammenhänge von Wirtschaft, Besatzung und Friedensprojekten werde ich bei meinem Vortrag auf der Friedenskonferenz am Freitag Abend, den 12. Februar, im Alten Rathaus München sprechen. Es würde mich sehr freuen, viele von Euch dort wieder zu sehen! Besonders freue ich mich auch auf die beiden anderen Referenten, allen voran über die römische Ökonomin Loretta Napoleoni, die uns spannende Sachen über Terrorismusfinanzierung erzählen wird. Auch musikalisch werde ich den Abend zusammen mit Andi und Robert begleiten; es ist also jede Menge geboten und als Alternative zur Münchner Sicherheitskonferenz sollten wir zeigen, dass viele von uns daran interessiert sind, bei ‚Sicherheit‘ nicht immer gleich an ‚Waffengewalt‘ denken zu müssen.

Zum selben Thema bin ich auch zu einem Interview bei Radio München eingeladen worden, anzuhören live am Donnerstag, 4. Februar ab 8:30 Uhr auf RADIO MÜNCHEN online oder in der Wiederholung am Do, 4.2. um 14:30 h sowie am Freitag, 11:30 h und 20:30 h.

Live, in Farbe und in voller Länge gibt es das ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH Trio am kommenden Samstag um 20 Uhr in Nürnberg in der Villa Leon zu erleben. Wer also in der Nähe ist: Kommt uns besuchen! Es gibt in diesen Tagen viele Gelegenheiten des Wiedersehens und Wiederhörens – ich freue mich darauf!

Herzlichst,
NL_Signatur2013

Alle Termine auch unter Mein Kalender

Neues Jahr – neue Vorhaben

Vielen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen zu Bobbys Backkünsten! Die Kritik, es fehle das Rezept zu Oma Margaretes viel gepriesenem Stollen habe ich mir sehr zu Herzen genommen und werde das Rezept nachreichen, versprochen! Allerdings erst im Herbst. Denn würde ich es jetzt aufschreiben, dann würde es verschwinden in den Abgründen des Internetzes, und wenn die Zeit zum Stollenbacken wieder gekommen ist, findet es kein Mensch wieder. Also mach ich mir einen Knick ins Kalenderblatt für Mitte Oktober, damit alle Stollenbäcker- und innen rechtzeitig zu Beginn der kalten Jahreszeit schon mal kiloweise Zutaten besorgen können. Falls es dieses Jahr im November überhaupt wieder kalt werden sollte.

Bobby liebt den Schnee
Bobby kommt nicht nach mir: Sie liebt die Kälte

Jetzt will ich Eure Aufmerksamkeit aber auf ein paar ganz andere Dinge lenken, vor allem auf vier Veranstaltungen, die mir wichtig sind. Zunächst auf einen Workshop, den ich am Sonntag, den 31. Januar in München im Freien MusikZentrum gebe. Der Workshop dreht sich um Bühnenpräsenz und Ausstrahlung. Ich werde einen ganzen Tag lang mit den Teilnehmern Übungen und Spiele machen, die die Präsenz fördern und Vieles bewusst machen, was scheinbar ‚ganz von alleine‘ passiert, wenn jemand „mit Charisma und Ausstrahlung“ die Bühne betritt. Wenn Du Lust hast mitzumachen – egal ob Du SchauspielerIn, SängerIn, LehrerIn, MusikerIn bist oder einfach nur neugierig auf Atem-, Stimm- und Präsenzübungen bist – , dann melde Dich schnell übers Freie MusikZentrum an. Es gibt eine begrenzte Teilnehmerzahl! Dort und auf Facebook findest Du weitere Infos zur Veranstaltung.

Zweitens will ich Euch zu einer Ausstellung über Kunst und Kultur in Palästina am Donnerstag, den 28. Januar um 18 Uhr im Münchner Gasteig einladen. Mein Freund und Mitstreiter in Sachen Israel-Palästina, Wolfgang Sréter, hatte es satt, dass Palästinenser in der öffentlichen Wahrnehmung  immer mit Terror, Gewalt und Konflikt in Verbindung gebracht werden. So hat er 2009 begonnen, Menschen in Palästina zu fotografieren, ihnen beim Leben, Arbeiten und Wirken zuzuschauen und hat dabei ihre überaus reiche Kultur kennen gelernt. Letztes Jahr ist aus seiner Arbeit ein Buch mit gleichem Titel entstanden. Die Ausstellung im Gasteig eröffnet Magister Markus Stefan Bugnyár, der in der Altstadt von Jerusalem das Österreichische Hospiz leitet. Einige meiner Reisegefährten der vergangenen Jahre werden sich sicher noch an ihn erinnern – und an den wunderbaren Wiener Apfelstrudel, den man dort im original österreichischen Kaffeehaus mitten im muslimischen Viertel der Altstadt serviert bekommt.
Mehr Infos zu Wolfgang Sréters Arbeit und zur Ausstellung gibt es hier: Münchner_Feuilleton

Drittens: Wer in Nürnberg und Umgebung wohnt, kann am Samstag, den 6. Februar um 20 Uhr ein Konzert meines überaus wunderbaren ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH in der Villa Leon besuchen. Als Trio mit Andi Arnold an der Klarinette und Robert Probst am Klavier werden wir unser Programm KlezMeshugge spielen. Weitere Infos gibt es hier.

Andi Arnold und Robert Probst bilden mit mir zusammen das ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH Trio
Andi Arnold und Robert Probst bilden mit mir zusammen das ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH Trio

Und hier die vierte Veranstaltung, die mir sehr am Herzen liegt: Vom 11. bis 14. Februar 2016 findet die 14. Internationale Münchner Friedenskonferenz statt. Als Gegenveranstaltung zur Münchner Sicherheitskonferenz konzipiert, kommen hier Experten zusammen, die sich mit friedlichen Lösungen für unseren Planeten auseinander gesetzt haben und darüber berichten. Auch ich bin eingeladen worden, am Freitag, den 12.2. im Internationalen Forum im Alten Rathaus zum Thema ‚Versöhnungsprojekte in Palästina‘ zu sprechen. Das tue ich sehr gerne – aber auch durchaus kritisch. Versöhnung ist eine wunderbare Sache, aber sie steht immer am Ende eines langen, oft schmerzlichen Prozesses.
Nirgendwo auf der Welt gibt es so eine Dichte an Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) wie in Ramallah und Umgebung, die meist das Label Frieden, Versöhnung, Salam und Shalom tragen. Nirgendwo werden so oft die Worte „Salam“ und „Shalom“ gesprochen und gehört, und nirgendwo habe ich so wenig davon erlebt wie dort. Darüber und über die Gründe, warum das so ist und warum uns das in Deutschland etwas angeht – darüber werde ich in den 20 Minuten meiner Redezeit Denkanstöße geben.
Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Alten Rathaus mit einem Referat von Loretta Napoleoni, die man auf keinen Fall versäumen sollte. Danach spricht Markus Weingardt und nach der Pause ich. Für Musik zwischendurch sorgt unser ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH Trio.

Schließlich noch ein Thema, das außer Konkurrenz läuft und das mich bei aller Liebe zu allen anderen Projekten und Themen, mit denen ich mich auseinander setze, am allermeisten umtreibt: Die Besatzungs-Realität in Palästina. Jeden Tag beschäftige ich mich mehrere Stunden lesend und schreibend damit, nicht selten ist es Hauptthema in Gesprächen am Küchentisch mit Freunden oder bei Begegnungen mit Fremden. Wer auf Facebook ist, wird vielleicht gesehen haben, dass meine meisten Postings sich mit Menschenrechtsverletzungen in Palästina oder mit politischen Entwicklungen in Israel beschäftigen. Derzeit arbeite ich intensiv an der Gründung zweier Initiativen mit, die das Ende der israelischen Besatzung zu ihrem Ziel erklärt haben. Bei meinem nächsten Beitrag werde ich darüber berichten können.
An dieser Stelle möchte ich den gestern erschienenen Brief der palästinensischen Botschafterin in Berlin zeigen, den sie an Journalisten und Medienschaffende richtet. Einige meiner Leser gehören diesen Berufszweigen an, aber auch für alle anderen mag es aufschlussreich sein, wie die Botschafterin für eine differenzierte Sprache, eine klare Darstellung von Fakten und die Beschreibung des richtigen Kontextes wirbt. Hier die zwei lesenswerten Seiten: Pal_Botschafterin_Jan 2016

Ich wünsche Euch einen guten Start ins Neue Jahr und viel Freude, Kraft und Mut für die kommenden Herausforderungen.
Herzlichst,

Nirit

Gemeinsam kochen, essen und nebenbei Deutsch lernen: Unsere neuen Freunde aus dem Senegal
Gemeinsam kochen, essen und nebenbei Deutsch lernen: Unsere neuen Freunde aus dem Senegal

Bobbys erstes Musikvideo

Bobby und ich waren fleißig und haben ein Video zusammen geschnitten. Davor allerdings waren wir noch fleißiger und haben gemeinsam gebacken: Einen echten Chemnitzer Stollen nach einem Rezept, das meine Mutter vor vielen, vielen Jahren entwickelte. Als einzigen Anhaltspunkt für die Zutaten hatte sie – selbst eine hervorragende Köchin vor allem orientalischer Spezialitäten – nur die Erinnerungen meines Vaters Rolf. Der beschrieb ihr ganz genau, wie es in dem Haus am Antonplatz 15 in Chemnitz duftete, wenn im November jeden Jahres seine Mutter Margarete Stollen buk.

Im Dezember 1934 verstarb meine Großmutter Margarete; mein Vater war damals 15 und kam kurz darauf in ein Schweizer Internat am Genfer See, der Ecole d’Humanité. Der Rest der deutschen Katastrophe blieb Margarete erspart.

Mich hat immer fasziniert, dass meine Oma Margarete, die den Erzählungen meines Vaters zufolge kosher kochte und am Freitag Abend die Shabbes-Kerzen anzündete, sich offenbar nicht daran störte, dass der Stollen das traditionelle Weihnachtsgebäck ihrer christlichen Nachbarn und Freunde war. Denn die Familie Sommerfeld fühlte sich im Chemnitz der 20er und sogar noch Anfang der 30er Jahre in erster Linie als Deutsche. Sie sprachen Deutsch – nicht Jiddisch – waren nicht besonders religiös, hatten ihr gut laufendes Tuchgeschäft und verbrachten ihre Freizeit mit anderen deutschen Freunden im Erzgebirge, in der Schweiz oder an der Ostsee.

Julius am Ostseestrand, etwa 1936
Julius am Ostseestrand, etwa 1936

Sie fühlten sich in erster Linie als Deutsche. Wie sonst wäre es zu erklären, dass mein Großvater Julius, ein Offizier des Kaisers und Träger des Eisernen Verdienstkreuzes im Ersten Weltkrieg, immer wieder nach Chemnitz zurück kehrte, selbst nachdem er seinen einzigen Sohn, meinen Vater Rolf, 1937 auf einem Schiff nach Palästina brachte? Selbst nachdem sein Haus enteignet und als Sammelstelle für Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager missbraucht worden war? Selbst nach einem Besuch in New York 1939, wo er andere Freunde und Verwandte hingebracht hatte, wovon eine damals datierte Fotografie zeugt?! Eine dieser Verwandten erzählte mir hochbetagt Jahrzehnte später, sie hätten ihn beschworen, die Rückreise nach Chemnitz nicht anzutreten. Er soll mit einem Lächeln geantwortet haben: „Von diesen paar Braunhemden lasse ich mir meine Heimat nicht nehmen.“ Der Rest ist Geschichte.

Das Haus am Antonplatz 15 in Chemnitz mit der Aufschrift 'Tuche Julius Sommerfeld'. Ab 1937 von den Nazis enteignet, später Sammelstelle für Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager.
Das Haus am Antonplatz 15 in Chemnitz mit der Aufschrift ‚Tuche Julius Sommerfeld‘. Ab 1937 von den Nazis enteignet, später Sammelstelle für Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager.

In dem kleinen Video, das ich hier mit Euch teile, gedenke ich meiner Großeltern Margarete und Julius Sommerfeld, die ich nie kennen lernen durfte. Sie stehen stellvertretend für abertausende ähnlicher Geschichten und Schicksale. Ich erinnere auch an meinen Vater Rolf, der sein Überleben seinem Vater zu verdanken hatte und der mir über viele Umwege und auch noch lange nach seinem viel zu frühen Tod im Jahre 1980 so viel Deutsches, so viel Europäisches mit auf den Weg gegeben hat. Ich musste sehr erwachsen werden, um das wirklich zu begreifen; denn in der Realität kannte ich von klein auf nur die Verwandtschaft meiner Mutter, aus Jerusalem stammend, im Maghreb wurzelnd. Den Koch- und Backkünsten meiner Mutter haben wir Margaretes Stollen zu verdanken, den sie durch jahrelanges Ausprobieren kreiert hat und den ich seit vielen Jahren im November backe. Und vielleicht tun meine Töchter dies auch eines Tages für ihre Kinder und Freunde – darauf hebe ich mein Glas und sage allen Widrigkeiten dieser Welt zum Trotz:

Le’Chaim! Auf das Leben!

Solche wie uns wird es immer geben.
(ojf Jiddish: Mir lebn ejbig!)

Übrigens: Die Musik Bigeleisen zu dem Video hat meine Tochter Lili mit mir und für mich geschrieben (sie kann das deutlich besser als ich; eingespielt von KLEZMORIM 2009 für die CD JIDDISCHE WEIHNACHT).

ZDF: Bethlehem liegt in Israel

Liebe Israel-Palästina-Freunde,

das ZDF kündigt ein Weihnachtskonzert aus Bethlehem an und behauptet, Bethlehem liege in Israel!! Hier der Link dazu.

Zurecht gibt es schon einige Proteste, auch ich habe einen Brief an den Intendanten des ZDF geschrieben. Wer dies auch tun möchte, kann sich hier in meinem Brief – siehe unten – Anregungen holen. Email Adressen lauten info@zdf.de und zuschauerredaktion@zdf.de . Meine Mail ging auch CC an den Fernsehrat und das Auswärtige Amt.

Vielen Dank und einen schönen Tag!
Nirit


Sehr geehrter Herr Dr. Bellut,
sehr geehrte ZDF- Redaktion,

Sie kündigen die Übertragung Ihres Bethlemer Weihnachtskonzert irrtümlicherweise aus Israel an. Ist Ihnen nicht bekannt, dass Bethlehem eine palästinensische Stadt im Westjordanland ist, die seit 1967 in den von Israel besetzten Gebieten liegt?! Und dass sowohl die Vereinten Nationen als auch die EU die Besetzten Palästinensischen Gebiete (Occupied Palestinian Territories – OPT) nicht zum Staatsgebiet Israels zählen?

Aus meiner Sicht ist dies kein ‚Druckfehler‘, sondern das erfolgreiche Einsickern israelischer Öffentlichkeitsarbeit und Medienkampagnen in unser Mainstream Medienbewusstsein (Absicht möchte ich nicht unterstellen – das wäre ja dann perfide). Ich erwarte von einem öffentlich rechtlichen deutschen Sender, hier nicht nur besser zu recherchieren (wobei es nun wirklich keiner Recherche bedarf, um zu wissen, dass Bethlehem eine seit 48 Jahren besetzte Stadt ist!), ich erwarte eine klare Stellungnahme. Ich erwarte nicht nur die Korrektur in Ihrer Ankündigung, sondern auch einen Hinweis in der Ausstrahlung, dass hier aus Palästina gesendet wird. Immerhin genießt Palästina seit 2012 den Status eines Beobachterstaates bei der UNO. (Auch der Vatikan ist ein Beobachterstaat; wenn von dort gesendet wird, schreibt auch niemand „aus Italien“.)

Eigentlich müsste man vom ZDF sogar erwarten, diese Gelegenheit zu nutzen und im Sinne des Völkerrechts, aber auch im Sinne der deutsch-israelischen Freundschaft ein Exempel zu statuieren: Deutsche Künstler aus Pop und Klassik reisen über Israel nach Bethlehem und treten im Sinne der Völkerverständigung auf, um zu zeigen, dass Palästinenser auch einen Sinn für Kunst und Kultur haben und nicht, wie es häufig gezeigt wird, nur etwas vom Raketenwerfen verstehen.

Die Ankündigung verspricht kurze Einspielfilme, in denen Markus Lanz durch Bethlehem führt. Zeigt er auch, wie er, das Filmteam und die Künstler die Checkpoints passieren müssen? Und dass Israelis das Konzert offiziell nicht besuchen dürfen, weil Bethlehem laut Osloer „Friedens“-Abkommen in Zone A liegt, deren Besuch israelischen Staatsbürgern verboten ist? Wie wäre es, das mit einzubauen mit dem Hinweis, dass dies alles der Vergangenheit angehören könnte, wenn Israel nach fast 50 Jahren die Besatzung aufgeben würde?

Der Fehler in Ihrer Ankündigung ist mehr als ein Fauxpas. Es geht hier um die grundsätzliche Haltung Deutschlands – vertreten durch einen öffentlich-rechtlichen Sender – zu Israel und seiner Besatzungspolitik. Hier ist dringend Handlungsbedarf geboten.

Mit freundlichen Grüßen,

Nirit Sommerfeld