Wir müssen reden.

In den vergangenen Tagen sind ein paar Fakten enthüllt worden, über die ich sprechen muss. Ich sage bewusst „muss“, denn ich habe wenig Spaß daran und mag mich nicht mit solchen Dingen beschäftigen, die mich von meinen wirklichen Themen ablenken. Aber das hier ist wichtig.

Es geht weit über das übliche „Nestbeschmutzer“-Geplärre hinaus, mit dem manche Menschen mich und viele meiner MitstreiterInnen zu verleumden versuchen (am besten noch mit dem völlig missbrauchten Begriff des Antisemitismus). Was hier von zwei investigativen Journalisten aufgedeckt worden ist, betrifft ganz allgemein den Umgang und die Einschätzung eines Mediums, das weltweit nahezu Monopolstellung auf dem Gebiet der Wissensvermittlung erlangt hat und das wir alle schon zigfach genutzt haben: Wikipedia. Es geht also um Bildung und Freiheit.

Liest man den Eintrag über Wikipedia bei der Wikipedia selbst, erfährt man, dass diese eine freie Enzyklopädie ist, also ein kostenlos im Internet erhältliches Wissens-Lexikon, geschrieben „… durch freiwillige und ehrenamtliche Autoren“. Eine tolle Idee, wie ich immer gefunden und für die ich auch schon Geld gespendet habe: Wissen wird für alle zugänglich frei zur Verfügung gestellt. Wer etwas schreiben will, tut dies ehrenamtlich und muss belegbare Quellen angeben. Großartig.

Was ich erst seit wenigen Wochen beginne zu lernen ist, dass die Wikipedia ein ziemlich gut organisiertes, aber schlecht durchschaubares System ist und es innerhalb der Wikipedia Autoren-Hierarchien gibt. Wie die genau funktionieren, kann ich (noch) nicht sagen. Fest steht aber, dass Autoren mit höheren Befugnissen darüber bestimmen können, was wir im weltweiten Netz über bestimmte Themen erfahren können. Und was nicht. In meinem Fall hat ein bislang anonymer Autor, der sich Feliks nennt, einen Artikel über mich geschrieben, dabei meinen Namen mit hebräischen Buchstaben versehen (leider falsch punktiert; soll für Nicht-Hebräisch-LeserInnen vielleicht „wissenschaftlich“ wirken). Er hat mein Geburtsdatum und meinen Wohnort angegeben und ansonsten nur einige Kleinigkeiten aus meinem Lebenslauf gepickt, die mich nicht gerade gut aussehen lassen. In seinem ersten Eintrag stand zum Beispiel weder drin, dass ich im renommierten Mozarteum meine Schauspielausbildung genossen, noch dass ich mit Rupert Neudeck und Rolf Verleger das Bündnis BIB, einen gemeinnützigen Verein, gegründet habe. Nach einer ausführlichen Korrektur des Artikels durch einen befreundeten Autor ließ er das (politisch harmlose) Mozarteum stehen, aber Rupert Neudeck wurde, wie Vieles andere auch, wieder gestrichen bzw. rück-„korrigiert“. Neudeck weckt wohl zu viel positive Assoziationen, die Feliks mir nicht gönnt. Rolf Verleger hingegen hat er gerne drin gelassen; dessen Wikipedia-Artikel zeichnet schließlich auch kein sehr positives Bild des jüdischen Professors, der Israels Politik für einen Irrweg hält, und wurde verfasst von… richtig: Feliks. Mich bezeichnet er dann noch als Aktivistin der BDS-Bewegung, die er nachdrücklich als „antizionistisch“ bezeichnet. Ja, nachdrücklich: Der befreundete Autor hatte das Wort gestrichen, doch Feliks hat es wieder eingefügt — was nichts daran ändert, dass es eine glatte Lüge ist: eine Aktivistin der BDS-Bewegung bin ich nicht, und sie als antizionistisch zu bezeichnen, dient nur dazu, sie mit ‚antisemitisch‘ zu assoziieren. In diese Ecke soll ich gedrängt werden, ganz klar, und Feliks ist nicht der erste, der auf diese geniale Idee kommt. Grundsätzlich halte ich Boykott für ein Menschenrecht; das macht mich, die deutsch-israelische Jüdin, noch lange nicht zur Antisemitin, schon gar nicht zur selbsthassenden Jüdin.

Oh Du meine Güte, dass ich mich mit diesem Schwachsinn überhaupt auseinander setzen muss! Da muss ich wirklich der anderen Seite gratulieren. Das habt Ihr gut gemacht, Ihr Hetzerinnen und Hetzer, Ihr habt es geschafft, dass unsereins sich mit diesen Absurditäten herumschlagen muss und wir unsere Zeit hierfür verwenden. Genau das wolltet Ihr ja. Aber das Spiel ist noch nicht zu Ende. Ihr liefert uns die Argumente, die schlussendlich für uns sprechen. Doch erst mal weiter im Text.

Dass Feliks mich mit BDS in Verbindung bringt, ist natürlich kein Zufall, sondern hartes Kalkül. Nachdem die Bundesregierung in ihrer kruden Antisemitismus-Definition unter anderem „sekundären Antisemitismus“ (hä?!) mit Kritik an Israel beschreibt und deutsche Städte wie München, Frankfurt und Berlin ihren Bürgern öffentliche Räume verweigern, wenn allein schon der Verdacht besteht, die Referentin  könne sich mit BDS befassen (ja, Freunde, es heißt in dem Beschluss „be-fas-sen“), da macht sich doch das Stigma ‚BDS‘ bei unliebsamen Zeitgenossen gut, die noch so sehr betonen können, dass sie nicht gegen, sondern für etwas kämpfen, allem voran für Menschenrechte.

Meine konsequent an das Gute und die Liebe glaubende Tochter brachte mich auf den Gedanken, dass Feliks es womöglich, ganz tief unten drunter, auch nur gut meint. Mag sein, vielleicht meint er, die Welt (vor mir) retten zu müssen. Aber so lange die Welt und insbesondere das Land, in dem wir leben, gewisse Gesetze hat, die unsere  Persönlichkeitsrechte wahren sollen und uns vor Verleumdung schützen, werde ich das mit Feliks juristisch klären. Ich habe seinem Umfeld schon unzählige Male nachweislich Gesprächsangebote gemacht — vergeblich. Daher prüfe ich jetzt rechtliche Schritte.
Übrigens: Als der befreundete Autor meinen Wohnort änderte in „in der Nähe von München“, hat Feliks wieder rück-„korrigiert“ und wieder meinen Wohnort angegeben. Seither ist mein Autorenfreund bei Wikipedia gesperrt.

Was es mit Wikipedia, Feliks und anderen prominenten Wiki-Autoren auf sich hat, kannst Du Dir im Online-Video von Markus Fiedler und Dirk Pohlmann ansehen. Es ist ziemlich lang, aber wirklich sehenswert. Wenn Du gar keine Zeit und wenig Geduld hast, dann findest Du des Rätsels Lösung ungefähr ab Minute 50 (und lässt Dir spannende Details entgehen).


Hier nun endlich das, womit ich mich WIRKLICH beschäftigen will:  Besonders freue ich mich auf den musikalisch-politischen Auftakt der Saison am kommenden Wochenende. Am Samstag darf ich auf dem traditionellen UZ-Pressefest diskutieren und singen, am Sonntag gibt es eine ganz besondere Holocaust-Gedenkveranstaltung für verfolgte homosexuelle Frauen — die erste ihrer Art, zu der ich auch musikalisch beitragen darf.

Dortmund: Hier ein kleines Video von mir für die Musikzeitschrift Melodie&Rhythmus und die Ankündigung fürs UZ-Pressefest, auf dem ich kommenden Samstag, den 8. September ab 14.30 Uhr erst auf dem Diskussionspodium zum Thema ‚Gegenkultur‘, dann auf der Bühne mit Andi Arnold (Klarinette) und Lili Sommerfeld (Klavier, Gesang) auftreten werde. Wer schon früher kann: Um 13 Uhr wird das neue Buch von Moshe Zuckermann vorgestellt:

Berlin: Gedenkveranstaltung für die verfolgten Lesben* der NS-Diktatur am Sonntag Nachmittag, den 9. September um 16 Uhr am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, direkt bei der Hannah-Arendt-Straße. Lili, Andi und ich sorgen für die musikalische Umrahmung.


Zum Thema BDS ein sehr ausgewogener Beitrag von Matthias von Hein für die Deutsche Welle, dem ich neben Meinungsäußerungen  von Avi Primor, Prof. Horst Teltschik, Iris Heftes, der Bonner BDS-Gruppe und anderen auch etwas beitragen konnte.


Kino: ein Film von Wisam Zureik hat demnächst Premiere:
Heimat am Rande erzählt die Geschichte israelischer PalästinenserInnen; alle Infos und der Trailer auf der Website.


Israel-Palästina-Reise im Frühjahr 2019:
Die nächste Reise findet zwischen dem 28. April und dem 12. Mai 2019 statt. Die Reiseplanung ist ganz ähnlich wie die der Oktoberreise, die Du HIER nachlesen kannst. Wenn Du Interesse hast, bitte melde Dich so bald wie möglich unverbindlich bei mir unter info@nirittours.info; es stehen nur begrenzt Plätze zur Verfügung.
Den Reisebericht von 2017 findest Du HIER.


Und schließlich noch ein Gruß zum Frieden

Am Sonntag Abend ist Erev Rosh haShana, zu Deutsch der Vorabend des Neuen Jahres. Nach jüdischem Kalender beginnt mit Sonnenuntergang das Jahr 5779. Traditionell isst man in Honig getunkten Apfel, um die Süße des kommenden Jahres zu schmecken, stellt Schalen mit Sesam und Granatäpfeln auf den Tisch, um die zahllosen Wohltaten zu symbolisieren, die wir uns erhoffen, und wünscht sich gegenseitig Shana tova u’metuka — ein gutes und süßes Neues Jahr. Dies tue ich hiermit auch und richte diesen Gruß an alle, die unter unserer Sonne leben: Juden, Muslime, Christen, Hindus, Buddhisten, Atheisten, Gläubige, Glaubende und Nicht-Glaubende. Vor allem richtet sich mein Friedensgruß an all jene, deren Leben unter Besatzung gar nicht süß schmeckt. So lange sie nicht frei sind, sind auch wir nicht frei.

Dazu der Newsletter von Hagai El-Ad, dem Leiter der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem. Er beschreibt sehr klar, warum Schweigen keine Option ist, so lange Menschen in unserer unmittelbaren Nähe unter Militärbesatzung leiden. Dies zu ändern, ist unsere Aufgabe. Darüber müssen wir reden.

Herzlichst,

Am 10. September wäre der große israelische Friedenskämpfer Uri Avneri 95 Jahre alt geworden. An seiner Seite habe ich im Januar 2009 gegen die Angriffe auf Gaza demonstrier (Foto: privat). Einen Nachruf und Links zu seinen wichtigsten Artikeln findest Du hier im BIB-Blog.