Hurra, ich bin ein rotes Tuch!

Das Münchner Kulturreferat hat mich mit einer ganz besonderen Auszeichnung geehrt: Dem „Roten Tuch“. Wie, die Auszeichnung kennst Du noch gar nicht?! Nun, die haben auch noch nicht sehr viele Künstler erhalten, das stimmt. Daher fühle ich mich auch ganz besonders auserwählt (obwohl man für diesen Titel gar nicht jüdisch sein muss). Im Gegenteil, als Jüdin ist es in München gar nicht so leicht, in die engere Auswahl für diese Sonderehrung zu kommen. Andererseits – ich will ehrlich mit Dir sein – ist es auch gar nicht wirklich schwer, vom Münchner Rathaus (wahlweise Münchner Kulturreferat) als Rotes Tuch bezeichnet zu werden. Wenn Du Dich ein klein wenig bemühst, könnte Dir das auch gelingen – wie gesagt, Du brauchst gar nicht jüdisch zu sein und mit Kunst und Kultur brauchst Du auch nichts am Hut haben.

Du brauchst Dich nur konsequent für die Menschenrechte von Palästinensern einsetzen. Du kannst ganz bescheiden anfangen, etwa eine Petition unterschreiben, dass Gaza doch bitte nicht verrecken soll ohne Strom oder dass doch bitte minderjährige Palästinenser nicht so lang ohne Eltern und Rechtsbeistand in Haft verbleiben sollen (auch wenn sie Steine gegen gepanzerte Fahrzeuge geworfen haben). Wenn Du das dann auch noch herum erzählst, womöglich sogar von Deinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machst und mit solchen Ideen an die Öffentlichkeit trittst, zusätzlich womöglich auch noch FORDERST, dass Palästinenser GLEICHE Rechte haben sollten wie Israelis und am Ende noch behauptest, das gehe die Deutschen was an mit ihrer geschichtlichen Verantwortung für Israel – ja, dann steigen Deine Chancen enorm, als Rottüchler ausgespäht zu werden.

Klar, gleiche Rechte für alle Bewohner eines Landes zu fordern, unabhängig von ihrer religiösen und ethnischen Zugehörigkeit – das ist eine echt krasse Forderung, das seh ich ein. Und die schrammt haarscharf am Aufruf zur Gewalt vorbei, ist schon klar. Also fast schon Terrorismus, wenn man es sich genau überlegt. Was nicht ganz so schlimm ist (in einem Land, in dem der NSU-Terrorismus jahrelang wüten kann und dann noch länger verschleiert… äh, Verzeihung: verhandelt werden muss) – also nicht ganz so schlimm wie der eigentliche Vorwurf, den man sich damit einhandelt, nämlich: Du bist Antisemit. Da kannst Du selber jüdisch sein oder nicht, scheißegal! Da kann Deine halbe Familie – wie in meinem Fall – im Holocaust ermordet worden sein, da kannst Du – wie in meinem Fall – von Deinen eigenen Erfahrungen in Israel und in den Besetzten Palästinensischen Gebieten erzählen, Du kannst beschwören, dass Dir etwas daran liegt… nein, dass Dir ALLES daran liegt und Dein Glück davon abhängt, dass Israel ein Land wird, in dem alle Menschen, die dort leben, gleiche Rechte genießen – NEIN! Das alles hilft Dir nichts.

Irgendjemand kommt und klebt Dir das böse ‚A‘-Wort an, ergänzt es womöglich mit der Behauptung, Du seist BDS-Aktivist/in (das kann – wie in meinem Fall – frei erfunden sein!) und – falls doch zufällig jüdisch – bist Du auch noch ein „selfhating Jew“… aber dann, dann hast Du es geschafft! Dir wird die Ehre zuteil, zu der Gemeinschaft der Rotes-Tuch-Trägerinnen und -Träger zu gehören, ob nun direkt aus dem Münchner Rathaus oder mit Absegnung des Kulturreferats,  das spielt dann keine Rolle mehr. Du kannst Dich rühmen, ab sofort in München als „Rotes Tuch“ bezeichnet zu werden. Glückwunsch!

Ich jedenfalls freue mich über diese ganz besondere Auszeichnung und würde mich noch mehr freuen, wenn sich unter meinen LeserInnen noch viele, viele Menschen finden, die bekennende Rottüchler sind! Wenn auch Du zum Club der Roten Tücher gehören willst, dann schreib mir doch eine Mail mit dem Betreff ‚Rotes Tuch‘ (keine Angst, Du wirst zu nichts verpflichtet und bekommst auch kein Zeitungsabo). Aber wenn wir immer mehr und mehr werden, werden wir ein Meer von Roten Tüchern sein – und nicht mehr zu übersehen 😉

P.S.: Im Laufe der vergangenen Monate hat ein Veranstalter mehrmals versucht, mit Förderung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München Veranstaltungen mit mir als Protagonistin zu organisieren, wie früher bereits geschehen. Das Kulturreferat ließ anfangs mit anderen Begründungen, zuletzt mit dieser verlauten, das gehe nicht mehr:
„Fürs Rathaus und somit auch für uns ist die Sommerfeld ein rotes Tuch.“.


Nachtrag: Buchempfehlung

Im Herbst 2018 erschien – passend zum Thema – von Moshe Zuckermann beim Westend Verlag das Buch 

Der allgegenwärtige Antisemit 

oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit

SEHR EMPFEHLENSWERT!

Der Verlag schreibt dazu:

Ein Ungeist geht um in Deutschland – in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus werden wahllos und ungebrochen Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Nicht-Juden des Antisemitismus bezichtigt. Die Debattenkultur in Deutschland ist vergiftet und die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses geraten. Deutsche solidarisieren sich mit einem Israel, das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wer das kritisiert, wird schnell zum Antisemiten. Moshe Zuckermann nimmt in seinem Buch den aktuellen Diskurs schonungslos in den Blick und spricht sich für eine ehrliche Auseinandersetzung mit der deutsch-israelischen Geschichte aus.


Politisches

Nach wie vor finde ich unser Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung, kurz BIB, eine ganz wichtige Bewegung und habe daher meine letzten anderthalb Arbeitsjahre vor allem hier in diesen BLOG und in andere BIB-Aktivitäten reingesteckt. Folge doch bitte, falls noch nicht geschehen, auch dem BIB Blog und besser noch: Werde Fördermitglied! Wir können jede Unterstützung gebrauchen. Wenn Du auch noch ehrenamtlich mitarbeiten willst – es gibt eine Menge zu tun. Schreib mir einfach an sommerfeld@bib-jetzt.de. Danke!

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